Das Dasein ist geprägt von der Beziehungsaufnahme zu den Mitmenschen. Kappen wir diese Verbindungen, berauben wir uns wertvoller kultureller und sozialer Möglichkeiten.
Denis Rochev, Direktor der Schule 636 in St. Petersburg unterrichtet Deutsch und Englisch. Er wird Einblick in seine Arbeit geben und über Bildung und seine Liebe zur deutschen Kultur und Sprache sprechen. Er war mit Schüler- und Lehrergruppen bereits mehrere Male in Ettlingen.
Denis Rochev wird begleitet von Elisaveta Platanova. Sie stellt Leben und Werk der tatarischen Malerin Gaischa Rachmankulova (1913 – 1991) vor.
Im Anschluss besteht die Möglichkeit zum Gedankenaustausch. Herzliche Einladung dazu. Der Eintritt ist frei; um Spenden wird gebeten.
Zeit: Montag, 12. Oktober 2026, 19 Uhr
Ort: BegegnungsLaden Ettlingen, Marktpassage 12
Bericht über den Begegnungsabend in Ettlingen
Cornelia Frey aus der Schweiz stellt Referenten vor. Sie ist Mitinitiatorin vom Verein MIR (Welt – Frieden) in Vilters im Kanton St.Gallen. Dieser hat bereits Verbindungen zu Menschen in St. Petersburg. Deren Anliegen: die Bemühungen um Freundschaft und Verbindung unter den Menschen lassen die Werte des menschlichen Zusammenseins in Krisenzeiten neu erwachen.
Denis Rochev, ein in vieler Hinsicht engagierter Lehrer, ist seit zwei Jahren Schulleiter der vom Schweizer Priester Johann von Muralt gegründeten Schule 636 in St. Petersburg. Die Schule orientiert sich an humanistischen Prinzipien nach Pestalozzi. Hier werden auch christliche Traditionenen gepflegt, so z.B. Oster- und Weihnachtsrituale oder demnächst ein Martinsumzug mit den Schülern durch das Stadtviertel. Besonders an dieser Schule ist auch, dass in regelmäßigen Abständen ein Frühstück der Schüler mit dem Direktor stattfindet.
Als Fan der deutschen Sprache hat dieser sich immer dafür engagiert, dass Deutsch als 2. Fremdsprache neben Englisch erhalten bleibt. Leider wurde dieser Unterricht von 3 auf 2 Wochenstunden gekürzt. Deutschlehrer anderer Schulen seien jetzt arbeitslos.
Als Schulleiter spricht er persönlich mit allen Eltern, die ihre Kinder bei ihm anmelden. Diese und andere Besonderheiten dieser Schule führen dazu, dass er volle Klassen hat, während eine Nachbarschule nur zur Hälfte ausgelastet ist.
In den letzten Jahren pflegte seine Schule diverse Beziehungen zum deutsch-sprachigen Raum (D/Ö/CH), so nach Halle und auch nach Ettlingen. Früher erhielten die Reisen, wenn sie minutiös geplant vorgelegt wurden, staatliche Zuschüsse. Neu gibt es für weitergehende unterstützenswerte Ideen wie sinnvolle Umgestaltungen von Schulräumen, staatliche Zuschüsse für umgerechnet bis zu 30000 Rubel. Die Schule hat solch einen Preis für die Umgestaltung eines bislang ungenutzten Raumes in einen Begegungs- und Lernort gewonnen, der am 7. Oktober eröffnet wurde.
Nach dem Unterricht gibt es spezielle kostenlose Bildungsangebote wie z.B. das jetzt favorisierte Chinesisch als 2. Fremdsprache, weitere Sprachen. Sport, kulturelle und künstlerische Tätigkeiten und Informatik.
Für sein besonderes Engagement wurde Denis Rochev 2014 Lehrer des Jahres, eine Auszeichnung, die für besondere Leistungen sowie herausragendes Engagement und besondere Ideen vergeben wird. Zur Auszeichnung gehört, dass geehrte Lehrer in einer Gesprächsrunde Präsident Putin eine Frage stellen können. Denis Rochev stellte ihm 2014 die Frage, welchen Stellenwert er dem Deutschunterricht beimesse angesichts der doch ernsten geopolitischen Lage. Putin, der damals noch Deutschunterricht befürwortete, habe geantwortet: Entwicklungen gingen immer in Wellen vonstatten. Wenn man am Tiefpunkt sei, müsse man sich mit Fähigkeiten ausstatten, die man gebrauchen könne, wenn es wieder aufwärts gehe und dann “ brauchen wir Menschen, die Deutsch sprechen.“
Seit diesem Jahr bildet die pädagogische Universität in St. Petersburg keine Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer mehr aus.
Elisaveta Platonova stellte die vielseitige tatarische Künstlerin Gaisha Rachmankulova (1913 – 1991) vor. Sie ist Kuratorin der einer privaten Sammlung in Kasan. 2026 ist das Jahr der Einigkeit der Völker Russlands. Die Föderation umfasst 194 Völker. Sie schlug einen weiten Bogen über die gesamte Schaffensperiode von Gaisha, die mit Portraits von Mitschülerinnen und zahlreichen Selbstportraits begann. Eine wichtige, für diese Zeit eigentlich fast unmöglich durchführbare Reisen in europäische Länder hatten Einfluss auf ihre Motive: Landschaften, Milieubilder, Handwerker, Tänzerinnen bis zu Stillleben und tatarischer Mythologie. Auch änderten sich ihre Techniken von Zeichnungen über Öl bis Aquarell. Als ehemalige Studien-Kollegin von Denis Rochev hat Elisaveta Platanova nach dem Tod der Malerin bereits mehrere Ausstellungen kuratiert.
In der Pause gab es typisches Gebäck aus verschiedenen russischen Regionen. Am Ende stellten die fast 50 Zuhörenden zahlreiche Fragen und blieben noch lange untereinander im Gespräch. So wurde es ein intensiver Begegnungsabend zwischen Deutschen, Russisch-sprachigen und Schweizer Gästen.