Erste deutsche Flugrally nach Rußland wurde für die Ettlinger Crew zu einem enttäuschenden Abenteuer

Nach St. Petersburg/Gatschina kein Luftkorridor frei

Erste deutsche Flugrallye nach Rußland wurde für die Ettlinger Crew zu einem enttäuschenden Abenteuer

Ettlingen. „Ein Abenteuer und eine Enttäu­schung“, auf diesen Nenner brachte Hans Zeithaml seine Eindrücke von der ersten Flugrallye, die von Rothenburg/Oberlausitz nach St. Peters­burg führen sollte, und von hier aus wollte die Crew des Luftsportvereins „Albgau“ Ettlingen an einem Tag weiterfliegen in die russische Partnerstadt Gatschina. „Nichts ist daraus ge­worden, irgendwie gab es da Schwierigkeiten zwischen dem russischen Militär und den zivilen Dienststellen. Wir haben unser Ziel nicht er­reicht, wir konnten nicht nach St. Petersburg und waren froh, als wir in Vitebsk/Pskov wieder zum Rückflug starten konnten“, so Hans Zeithaml, der mit seinen Ettlinger Luftsportfreun­den Friedrich Finger, Alfred Jüngling und Fritz Linner in (wie gemeldet) Forchheim gestartet war.

Nach insgesamt 17 Flugstunden, rund 3 900 Kilometer wurden in den Lüften zurückgelegt, landete man wieder wohlauf – aber enttäuscht. „1993 wollten wir schon nach Gatschina, es klappte nicht; Pech hatten wir nun in diesem Jahr – aber im nächsten Jahr werde ich es noch­mals versuchen, die Einladung unserer Freunde aus der Partnerstadt liegt vor.“ Mit anderen Worten: Der Pilot und Flugzeugbesitzer aus Schluttenbach will nicht aufgeben, hofft auf ei­nen dritten, erfolgreichen Anlauf.

Gegenüber den Badischen Neuesten Nachrich­ten machte er deutlich, daß der Sternflug von Ingo Schankweiler, Gelsenkirchen, gut vorberei­tet war. Er, Mitglied des Aeroclubs St. Peters­burg, hatte alles fest im Griff, der Club aus St. Petersburg was Ausrichter, der dortige Oberbürgermeister Anatoly Sobchak und General Niki­forow, der Oberbefehlshaber der 76. Luftarmee, hatten die Schirmherrschaft übernommen. Der Besuch der Light Aircraft international Avishow in St. Petersburg sollte Höhepunkt dieses Fluges sein.

76 Leichtflugzeuge rollten an den Start. In Pocnan (Posen) war erstes Ziel, die polnischen Flugfreunde stellten den Gästen in Demblin die Hochschule der Luftakademie der polnischen Luftwaffe vor. Eitel Freude herrschte ob der herzlichen Aufnahmen, optimistisch kletterte man wieder in die Kanzeln, und ab ging’s nach Brest in Weißrußland. Es gab die ersten langen Gesichter, sechs Stunden dauerte die Kontrolle, bevor der Luftkorridor für den Weiterflug nach Minsk freigegeben wurde. Nach der Landung auf dem Militärflugplatz schien die Fliegerwelt in Ordnung, es gab einen Empfang der Stadtverwaltung, danach besuchte der weißrussische Verteidigungsminister die deutschen Flieger, es gab dennoch vor dem Weiterflug zwei Tage Aufenthalt. Aber Flieger lassen sich nicht so durch Turbulenzen aus der Ruhe bringen.

Trostlos muss es danach auf dem Militärflughafen Witebsk/Pskov gewesen sein, der inmitten eines Sumpfgebiets liegt. Die Luftsportler fühlten sich verlassen – „ und dann hatten wir das Gefühl, als wollte die russische Mafia auf ihre Art aus den Maschinen organisieren.“ Man ließ die Flugzeuge nicht allein, rückte sie zusammen, bildete nach amerikanischer Westernart eine (Flugzeug-) Wagenburg,  Piloten und Begleiter übernachteten in den Kanzeln.

Die deutschen Flieger wurden von der Bevöl­kerung bestaunt und bewundert, denn erstmals war es westlichen Sportfliegern gelungen, so­weit nach Osten zu fliegen – aber mit dieser An­erkennung kamen sie nicht weiter. Die Tage vergingen, es gab kein Zeichen dafür, St. Peters­burg zu erreichen. Bis dorthin reichte der Kraft­stoff, dort sollte wieder aufgetankt werden. Aus Helsinki wurde der (bezahlte) Sprit herbeigefah­ren – „mit 1 000 Mark mußte er in St. Peters­burg bestochen werden, daß er seine teure Fracht nach Vitebsk/Pskov bringt“. Hier hielt er nochmals die Hände auf, wollte weitere 1 500 Mark „Prämie“, Prügel drohte dem geschäftigen Fahrer, „Geld njet“ mußte er hören. „Dann hieß es für uns alle: tanken und schnellstens zurück. In Polen herrschte darin wieder plötzlich eine andere Welt“, faßte der Ettlinger Pilot zu­sammen.

Man habe viel erlebt und viel Armut gesehen, sei aber von der Freundschaft beeindruckt ge­wesen. Die Flieger haben erleben müssen, wel­che gewaltigen Spannungen zwischen den Mili­tärs und den zivilen Behörden bestehen. „Man konnte es sich nicht vorstellen, daß alle Flug­zeuge in Privatbesitz sind, es war dort un­faßbar.“

Ein Erlebnis gab es für Hans Zeithaml, als ein russischer Pilot, gerade zum Leutnant befördert . seine russische Militärschwinge von der Uni­form nahm, sie mit der Flugspange Zeithamls tauschte – und als glücklicher Pilot Abschied nahm.

Die wenigen Kontakte zur Bevölkerung und den Soldaten waren es, von denen die insgesamt enttäuschte Ettlinger Crew beeindruckt war. Das Flugabenteuer Rußland war für sie der Reiz, St. Petersburg und die Partnerstadt Ga­tschina sollten Ziele sein, Abenteuer erlebt, Zie­le nicht erreicht. So das Fazit, aber trotz dieser Enttäuschung ist man optimistisch, dennoch einmal hinter dem Steuerknüppel gen Gatschina starten zu können.             

BNN, Martin Karg

Nach oben scrollen